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Mathias macht 160 Türen auf
Im Kolping-Bildungshaus findet ein junger Mann mit Handicap einen neue Arbeitsplatz
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, heißt es in einem Adventslied. Türen spielen in der vorweihnachtlichen Zeit eine besondere Rolle. In den kommenden Wochen nähern wir uns diesem Symbol. Für Mathias Dirschauer öffnet sich in diesen Tagen eine neue Tür.


„Ich hol mal den Mathias“, sagt Josef Albers. Der Hausmeister geht flotten Schrittes über das regennasse Pflaster beim Kolping-Bildungshaus (KBS) in Salzbergen. Und passt auf, dass er nicht auf dem glitschigen Laub ausrutscht. Wie viel es davon rund um das Fachwerk-Ensemble gibt, weiß Mathias Dirschauer aus schweißtreibender Erfahrung. Das Basecap tief in die Stirn gezogen und vermummt in eine dicke Jacke harkt er Blätter zusammen. Bis Josef Albers kommt. „Mach mal Pause“, sagt der, nimmt den jungen Mann mit und macht ihm die Tür ins Haupthaus auf – und das wirkt fast symbolisch. Denn die Kolpinger haben dem 20-Jährigen noch eine ganz andere Tür geöffnet. Am 1. Dezember fängt er dort als Hausmeistergehilfe an, trotz seines Handicaps.
Mathias Dirschauer und Josef Albers  (v.r.)Mathias Dirschauer ist stark lernbehindert. Das versperrt ihm von Klein auf den Zugang in die übliche Schullaufbahn. Wenn er beim Frühstückskaffee sein Handicap beschreiben soll, lächelt er zaghaft, denkt lange nach und antwortet ein wenig stockend. „Rechnen und Lesen geht, aber Schreiben ist schwer“, sagt er und blickt verlegen in die Tasse. Vor zwei Jahren hat er den Schulabschluss an der Tagesbildungsstätte des Lingener Christophorus-Werkes gemacht. Und besucht danach den Berufsbildungsbereich der Einrichtung für Menschen mit Behinderungen. Sein Traumberuf? Mathias zuckt mit den Achseln – als wüsste er, dass sein Handicap diese Frage für ihn beantwortet. „Praxis ist besser als Schule“, nur das steht fest für ihn.
Und das weiß auch Alfred Kues, Integrationsberater im Christophorus-Werk. Er glaubt, dass der junge Mann nicht zwangsläufig in der Werkstatt für Behinderte bleiben muss, dass er stark genug ist für eine Arbeit „draußen“. Er sucht nach einfachen Tätigkeiten für ihn. „Nischenarbeitsplätze“ nennt er das. Zum Beispiel im Team der Hausmeisterei im Kolping-Bildungshaus in Salzbergen. Das kann er selbstständig erreichen, 15 Minuten von Zuhause mit dem Fahrrad. „Er ist jung und entwicklungsfähig“, sagt Kues und guckt den 20-Jährigen aufmunternd an.


Das finden auch Josef Albers und KBS-Leiter Markus Silies. In engem Austausch mit dem Christophorus-Werk und Alfred Kues stehen sie dem jungen Mann als „Paten“ während seines Praktikums bei. Denn zuerst haben beide Seiten geguckt, ob sie zueinander passen.
Und es passt gut. Der junge Mann erzählt mit scheuem Lächeln von netten Kollegen und seinen Aufgaben. Vier Tage pro Woche wird er als Hausmeistergehilfe ab Dezember im Haus arbeiten, den jeweils fünften Tag fährt er zum Christophorus-Werk. Um dort weiter zu lernen und um seinen Sport ausüben zu können. Der Salzbergener spielt Fußball – und das richtig gut. Mit der Fußballmannschaft des TuS Lingen hat er in der 1. Behinderten-Fußball-Liga auf Landesebene Platz 3 gemacht. Das dicke Lob in der Kaffeerunde freut ihn sichtlich.


Was er im Bildungshaus machen muss? „Irgendwie alles“, sagt er darauf knapp, steht auf und zeigt im Haus und draußen etwas davon. Staubsaugen, Betten machen, Müll wegbringen, Laub sammeln, Stühle hochstellen, Getränke holen, viele der immerhin 160 Türen öffnen. Und saubere Wäsche im Haus verteilen. Ordentlich gestapelt liegen bunte Handtücher im Rollwagen – die gelben Sonnenblumen auf dem weißen Frottee strahlen gegen das trübe Herbstwetter an.
Jetzt macht Josef Albers ihm dafür keine Tür mehr auf. Er weiß genau – er kann sich auf den jungen Mann verlassen und sich um andere Dinge kümmern. Genau wie Markus Silies ist er voll des Lobes über den 20-jährigen. Wie ruhig und gewissenhaft er kürzlich das Unkraut abgeflämmt hat, da kann der KBS-Leiter bloß staunen. Albers verpackt seine Anerkennung in drei schlichte Worte: „Er will arbeiten.“ Und so ist auch klar, dass er ihn am Ende des Gesprächs nicht extra bitten muss, den Tisch abzuräumen. Das sieht Mathias auch alleine.

Es passt genau


„Arbeit nach Maß“: So heißt ein Programm des Lingener Christophorus-Werkes (CW), von dem Mathias Dirschauer profitiert. Die Einrichtung hilft Menschen mit Behinderungen, statt in der eigenen Werkstatt in einem Handwerksbetrieb oder Industrieunternehmen zu arbeiten zu können. Dort könnten sie nach einem Praktikum einfache Arbeiten übernehmen und so Fachpersonal entlasten. Das Christophorus-Werk bietet Arbeitgebern an, dafür passende Mitarbeiter zu suchen, fortzubilden und zu begleiten – „Arbeit nach Maß“.
Quelle:

Kirchenbote Nr. 48/2009

Text Petra Diek-Münchow