"Wir sind die Intensivstation"
Wie ein Berufsbildungswerk behinderte Jugendliche fit für den Arbeitsmarkt macht
Quelle: Neue Bildpost vom 11. August 2005
Wenn das neue Ausbildungsjahr beginnt, hat Georg Kruse viel zu tun. Während in anderen Firmen vielleicht gerade mal ein oder zwei Azubis ihre neue Arbeit aufnehmen, türmen sich bei Kruse auf dem Schreibtisch gleich hundert Ausbildungsverträge, die vom Chef unterschrieben werden wollen.
Im Berufsbildungswerk des Christophorus-Werkes Lingen, dessen Geschäftsführer Georg Kruse ist, fällt eben alles zwei Nummern größer aus: wie ein eigenes kleines Dorf erstrecken sich die Werkstätten, Büros, Lehr- und Sozialräume weitläufig auf dem Gelände am Stadtrand der emsländischen Gemeinde. Und noch etwas ist hier anders als im "normalen" Betrieb: die Jugendlichen, die in ihren Blaumännern wie Ameisen über das Gelände wuseln, starten mit dem Handicap einer Lernbehinderung ins Arbeitsleben. Das Berufsbildungswerk soll sie trotz ihrer Behinderung fit für die Arbeitswelt machen und zum regulären Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf führen. "Und in über 99 Prozent der Fälle schaffen wir das auch", betont Kruse stolz.
Möglich wird das durch eine besondere Betreuung, die neben der Fachausbildung in einem zumeist handwerklichen Beruf auch die medizinisch-psychologische und sozialpädagogische Begleitung umfasst. "Wir sind sozusagen die Intensivstation des Ausbildungsmarktes", so Kruse. Die jungen Leute, die in der Regel von einer Sonder- oder Förderschule kommen, sollen hier nicht nur ein Handwerk lernen, sondern auch in ihrer Persönlichkeitsentwicklung so gefördert werden, dass sie später auf eigenen Füßen stehen können.
Beim Rundgang durch den Betrieb wird deutlich, was damit gemeint ist: Jugendliche, die im Internat des Berufsbildungswerkes untergebracht sind - und das sind wegen des bundesweiten Einzugsgebietes eine ganze Menge -, organisieren sich ihren Tagesablauf weitestgehend selbstständig, sie verpflegen sich zum Beispiel in Gemeinschaftsküchen selbst. Den oft gehörten Vorwurf, Jugendliche würden bei der außerbetrieblichen Ausbildung "in Watte gepackt" und seien hinterher dem kalten Wind der freien Wirtschaft nicht gewachsen, lässt Kruse nicht gelten: "Sicherlich ist der Druck in einem normalen Betrieb größer", räumt er ein, "aber wir versuchen, die Arbeitsabläufe so zu organisieren, dass es mit der freien Wirtschaft vergleichbar ist." Zwar dürfen die Auszubildenden nichts für den freien Markt produzieren, doch weil das Christophorus-Werk neben dem Berufsbildungswerk eine Behindertenwerkstatt und weitere Einrichtungen betreibt, fällt auf den eigenen Liegenschaften immer etwas an: "Wenn zum Beispiel irgendwo etwas gestrichen werden muss, wird ein Auftrag an unsere Maler erteilt, der dann unter ganz normalen betrieblichen Bedingungen abgearbeitet wird", verdeutlicht Kruse.
Mit dem Ausbildungsniveau brauche man sich ohnehin nicht zu verstecken, bekräftigt Heinz Ohmes, Ausbilder im Metallbereich, beim Rundgang durch die Werkstatt: "Was hier an Maschinen zur Verfügung steht, kann längst nicht jeder kleine oder mittelständische Betrieb den Jugendlichen bieten", sagt er. Obwohl er schon seit vielen Jahren dabei ist, wird ihm die Arbeit mit den jungen Leuten nicht langweilig: "Es ist immer wieder spannend, wenn die neuen Auszubildenden kommen", sagt er.
Auch die beiden Mädels im dritten Lehrjahr, die vor der Gärtnerei in der Mittagssonne ihre Pause genießen, sind voll des Lobes. "Total super", sei die Ausbildung, loben sie. Wenn beide fertig sind, könnten sie als ausgelernte Gärtnerinnen für Zierpflanzenkunde in einer Gärtnerei oder Baumschule arbeiten - vorausgesetzt, sie finden einen Job. Denn die trübe Stimmung auf dem Arbeitsmarkt trifft auch die Berufsbildungswerke hart. Nicht alle Azubis können nach der Lehre weitervermittelt werden: "In wirtschaftlich guten Zeiten haben wir eine überdurchschnittlich gute Vermittlung, in wirtschaftlich schlechten Zeiten haben wir eine überdurchschnittlich schlechte Vermittlung", sagt Kruse. Lag die sogenannte Integrationsquote vor fünf, sechs Jahren noch bei 70 bis 80 Prozent, seien es im vergangenen Jahr nur 60 Prozent gewesen.
"Unsere Leute haben es besonders schwer auf dem Arbeitsmarkt", weiß Georg Kruse. Noch immer gebe es Vorbehalte gegen Sozialbetriebe, wie das Christophorus-Werk einer ist. Um Misstrauen abzubauen, sucht Kruse den Kontakt zur freien Wirtschaft. Die Ausbildung, so seine Vorstellung, soll integrativer werden. Schon jetzt sind die Azubis in eigenen Klassen in die reguläre Berufsschule integriert. Wenn es nach dem Leiter des Berufsbildungswerkes geht. könnten sie im Rahmen einer Kooperationsausbildung auch Teile ihrer Lehrzeit im "normalen" Betrieb verbringen, damit die Firmen sehen, dass sie genauso tüchtig sind wie nichtbehinderte Jugendliche.
Doch nicht nur die Lage auf dem Arbeitsmarkt machte den bundesweit 52 Berufsbildungswerken in diesem Jahr zu schaffen: Im Zuge der Hartz-Reformen kam es zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Arbeitsagenturen und Kommunen, die die Betreuung von Arbeitslosengeld-II-Empfängern übernommen haben, weil unklar war, wer für den Bereich der beruflichen Rehabilitation zuständig ist. Ein Streit auf dem Rücken der Jugendlichen, der in den Berufsbildungswerken zu einem Einbruch bei den Anmeldezahlen führte. Auch fehlende finanzielle Mittel der Bundesagentur für Arbeit hätten dafür gesorgt, dass die Anmeldungen für das neue Ausbildungsjahr zunächst nur kleckerweise eingingen, berichtet Kruse. Erst nachdem die Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke, deren Vorstand Kruse angehört, ordentlich Druck machte und nachgebessert wurde, habe sich die Lage entspannt.
Keine Frage: der Aufwand, mit dem die Jugendlichen hier betreut werden, kostet viel Geld. Kostenträger ist die Bundesagentur für Arbeit. In Zeiten knapper Mittel sieht Kruse die Gefahr, dass Lernbehinderungen unter Kostendruck "wegdefiniert" werden. Dabei hätten jüngste Studien gezeigt, dass sich Lernbehinderungen heute immer komplexer darstellen und einen hohen Betreuungsaufwand erfordern. "Menschen mit Lernbehinderung haben leider kaum eine Lobby", meint Kruse nachdenklich. Trotzdem hofft er, dass sich auch im nächsten Jahr die Ausbildungsverträge in gewohnter Zahl auf seinem Schreibtisch türmen: "Es ist wichtig und richtig, diese jungen Leute in den Arbeitsmarkt und in die Gesellschaft zu integrieren - unter volkswirtschaftlichen, aber auch unter ethischen Gesichtspunkten."