"Kinder führen, indem man sie freilässt"
Wilhelm-Berning-Schule integriert erneut behinderte Schüler - "Toleranz groß geschrieben"
Quelle: Lingener Tagespost vom 29. August 2005
Mit viel Gesang und Tanz wurden am Samstag 30 Schulneueinsteiger in der Wilhelm-Berning-Schule empfangen. Zum zweiten Mal wurde hier ebenfalls eine Klasse speziell für Kinder der Tagesstätte des Christophorus-Werkes eingerichtet, die von Frida Stehmann und Melanie Tuschling geleitet wird.
Vor vier Jahren war die Wilhelm-Berning-Schule die erste in Lingen, die eine solche schulische Kooperation begann, und behinderte Kinder mit gesunden die vier Grundschuljahre miteinander lernen und leben ließ. Durch die große Resonanz, auf welche diese Maßnahme stieß, schlossen sich mehrere Grundschulen an.
"Aufgrund des täglichen Zusammenseins der behinderten Kinder mit den gesunden wächst die soziale Gemeinschaft. Toleranz wird hier ganz groß geschrieben", so Hermann Kiepe von der Tagesbildungsstätte, und weiter: "Die Hemmschwelle der Kinder ist erfahrungsgemäß schnell überwunden, und unter ihnen gibt es schon bald keine Unterschiede im gemeinsamen Miteinander mehr."
Ein Gottesdienst mit dem Thema: "Regenbogen - Zeichen der Nähe Gottes" bildete den Auftakt der Einschulungsfeier, den die neuen Schüler schon lange entgegenfieberten. Nach dem gemeinsamen Kirchenbesuch fanden sich alle Schüler und Eltern in der schuleigenen Sporthalle ein, um die Einschulung zu zelebrieren.
Die gut gefüllte Halle wurde dann für 80 Minuten zum Zentrum der guten Laune, denn die älteren Schüler hatten sich einiges einfallen lassen, um die neuen Mitschüler willkommen zu heißen.
Schon das Begrüßungslied machte deutlich, dass die Erstklässler mit offenen Armen erwartet wurden und sich auf eine gemeinsame Schulzeit mit lauter netten Mitschülern freuen dürfen. In der Begrüßungsrede für die Neulinge ließ Schulleiterin Marita Tebbe verlauten, wie wichtig die Schule als menschlicher Ort der Begegnung sei, und auch Hermann Kiepe drückte seine Freude über den zweiten Durchgang des zukunftsorientierten Unterfangens aus, bevor die Klasse 4 a die Anwesenden mit dem kleinen Theaterstück "Liebeskummer" erfreute.
Heiß ging es danach bei der Darbietung der Jazzdance AG zu, deren tänzerisches Können, gepaart mit sonniger Musik, auch einige Eltern zum Mittanzen animierte. Das "Lied von der Freundschaft" der Klasse 3 hielt den Zuhörern dann vor Augen, worauf es beim zwischenmenschlichen Zusammenleben ankommt und verströmte angenehme Positivstimmung, die auch zum Grundrezept der Wilhelm-Berning-Schule gehört.
Mit dem allseits so bekannten wie beliebten Lied "Manamana", bei dem die vierte Klasse mit Handpuppen agierte, und dem "Lied vom ersten Schultag" endete die Veranstaltung, und für die frisch gebackenen Schüler begann der Ernst des Lebens. Während sie von Karola Graef in ihre erste Unterrichtsstunde geführt wurden, konnten es sich die Eltern bei Kaffee, Kuchen und einem Buffet gut gehen lassen und Hoffnungen und Ängste über den schulischen Werdegang der Kleinen austauschen.
Marita Tebbe: "Um den Kindern einen guten Start zu ermöglichen, bedarf es gegenseitigen Vertrauens und Gespräche. Unser Schulkonzeptleitsatz ist ein Zitat der berühmten Pädagogin Maria Montessori. 'Wir müssen Kinder führen, indem wir sie freilassen. Wir müssen sie in ihrer Würde als Menschen stärken und sie auf eigene Füße stellen.' Sehr wichtig sind hierbei die großen Pausen, welche die behinderten Schüler mit den gesunden zusammen verbringen. Unsere Schule lebt von diesen gemeinschaftlichen Unternehmungen." Dies sah auch Hermann Kiepe so.
Weiter betonte die Schulleiterin: "An schulischen Aktionen wie Sportfesten, Theateraufführungen oder ähnlichem sind stets alle Schüler beteiligt. Das hebt das Selbstbewusstsein der kranken Kinder und erhöht die Toleranz der gesunden."
Der zweite Durchlauf dieser vorbildlichen Maßnahme beweist nun den Erfolg des Unterfangens, das schon jetzt zum festen Bestandteil dieser Schule gehört.