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Ziel ist Vorbereitung auf ein selbstbestimmtes Leben
Tagesbildungsstätte des Christophorus-Werkes - Vier Bereich - Kiepe: Kooperation mit Grundschulen sehr wichtig
Quelle: Lingener Tagespost vom 2. Juli 2005
„Tata – rä-tät-tä-ta-tä“ trompetet der Elefant, den Tobias mit seinen Armen und einem lauten Ruf imitier. „Lernen für ein selbstbestimmtes Leben“ heißt es in einem Faltblatt der Tagesbildungsstätte im Christophorus-Werk. Deswegen nimmt auch Tobias am Logopädenunterricht (Sprachheilkunde) der Tagesbildungsstätte teil, obwohl er eigentlich aus dem Kindergarten des Christophorus-Werkes kommt. Und das Schöne an der Sache ist: Dem Kleinen macht der Unterricht mit Peter Ammermann sichtlich Spaß.


40 Mitarbeiter, unter ihnen Sonderschullehrer, Ergotherapeuten, Erzieher, teils mit sonderpädagogischer Zusatzausbildung, Heilerziehungspfleger, Psychologen, Logo- und Motopäden, Heilpädagogen, Praktikanten und Zivildienstleistende sorgen sich um die Fortbildung und das Wohl ihrer Schülerinnen und Schüler, die in 15 Klassen aufgeteilt sind.


Lernen durch Erleben; Lernen durch miteinander Leben und Lernen durch selbstständiges Handeln lautet das handlungsorientierte und klassenübergreifende Erfolgskonzept, dass der Tagesbildungsstätte nachgesagt wird. Hermann Kiepe, seit 14 Jahren Leiter der Tagesbildungsstätte, erläutert in einem Gespräch mit unserer Zeitung die vier Arbeitsbereiche, mit denen die Schüler für ein selbstbestimmtes Leben fit gemacht werden sollen.


In der Unterstufe, dem Primärbereich, in dem auch kooperativ geschult wird, werden das entwicklungsorientierte Lernen wie Motorik, Sprache, Wahrnehmung und Denken herausgearbeitet. Eine Stufe weiter, in der die zehn- bis 14-jährigen geschult werden, werden die Mädchen und Jungen mit Sachkunde, Lesen und Schreiben, dem Rechnen und der Selbstversorgung vertraut gemacht.


In der Oberstufe, dem fachorientierten Lernbereich, nehmen die 14- bis 17-Jährigen am Unterricht für Religion, Musik, Sport, Bildnerisches Gestalten, Hauswirtschaft sowie Textilarbeiten teil. Getreu dem Motto: Lernen für ein selbstbestimmtes Leben – kommen in der Abschlussstufe zusätzliche Fächer auf den Stundenplan: Diese beinhalten Wohnen, Arbeit und Beruf, ich-Erfahrung, Öffentlichkeit, Freizeit sowie Welt- und Umweltschutz.


Auf dem großen Flur, von dem aus es in die einzelnen Klassenräume geht, steht ein Tischkicker, an dem Jugendliche der Unterstufe, der Mittelstufe, der Oberstufe und der Abschlussstufe um den kleinen weißen Ball kämpfen – nicht gegeneinander, sondern miteinander.


Um ein Miteinander geht es auch in den sogenannten Ko-op-Klassen. Ko-op, weil es sich hierbei um Kooperationsklassen mit der Grundschule in Holthausen, der Elisabeth-Schule, der Paul-Gerhardt-Schule und der Wilhelm-Berning-Schule handelt.


Wie Kiepe weiter berichtet, werde zurzeit mit den Schülern der Wilhelm-Berning-Schule ein Theaterstück eingeübt. „Dieses partnerschaftliche Miteinander hat so unglaublich viele positive Komponenten für beide Seiten, dass sie eigentlich unersetzbar ist“, betonte Kiepe. Zunächst finde eine soziale Kooperation statt, die es allen Schülern ermögliche, elementare soziale Erfahrungen derart zu machen, künftig vorurteilsfrei auf Menschen mit oder ohne Behinderung zugehen zu können. Darüber hinaus könnte ein Schüler der Tagesbildungsstätte mit Stärken zum Beispiel im Lesebereich durchaus am Unterricht einer entsprechenden Grundschulklasse teilnehmen, um dieses Plus weiter zu fördern.


Kiepe: „Wenn wir mit unserer gemeinsamen Beschulung bewirken, dass die Schüler, die Lehrenden, die Eltern und alle in irgendeiner Form Beteiligten erfahren haben, dass es für einen schwerst- und mehrfach behinderten Schüler genauso wichtig ist zu lernen, einen Löffel selbstständig zum Mund zu führen, wie es für einen Abiturienten wichtig ist, eine gute Klausur in einem Leistungsfach zu schreiben, dann sind wir auf einem guten Weg.“


Tobias schaut auf eine Bildkarte, die einen Schmetterling symbolisiert. „Hat denn ein Schmetterling keine Augen?“, fragt der Kleine mit mitleidigem Blick in Richtung Ammermann. „Doch, doch“, beruhigt ihn der Logopäde, „man kann sie auf diesem Bild bloß nicht sehen.“ Freude leuchtet in den Augen des Jungen und nimmt von seinem ganzen Gesicht Besitz. „Na dann ist ja gut“, flüstert er und schaut sich den gelben Falter noch einmal genau an – erste Schritte für ein selbstbestimmtes Leben.


Wer mehr über die Tagesbildungsstätte wissen möchte, wende sich an Hermann Kiepe 0291/9142-860.